Motivation im Fremdsprachenunterricht

 
 

Eine theoriegeleitete empirische Untersuchung in 5. und 6. Primarschulklassen mit Unterricht in Englisch und Französisch

Die Motivation gilt als ein bestimmender Faktor des Lernens. Über die Fremdsprachenmotivation von Schülerinnen und Schülern der Primarstufe ist in der Schweiz aber kaum etwas bekannt. Die im Auftrag der Bildungsdirektion Zürich erarbeitete Studie ermöglicht einen erstmaligen Einblick in die Motivation und das Selbstkonzept von Schülerinnen und Schülern, die bereits in der Primarschule mit Englisch und Französisch in Berührung kommen. Auf dem Hintergrund der Selbstbestimmungstheorie der Motivation werden vier Motivationsfaktoren analysiert: intrinsische und extrinsische Motivation, Verständigungsmotivation, Misserfolgsmotivation.

Die wichtigsten Ergebnisse zeigen Folgendes:

•Englisch - Favorit und Lingua franca: Mehrere Ergebnisse bestätigen die hervorragende motivationale Bedeutung von Englisch als Sprache der weltweiten Verständigung, als Lingua franca (Verständigungsmotivation). Bei den deutschsprachigen Schülerinnen und Schülern ist Französisch motivational signifikant weniger positiv besetzt als bei Kindern anderer Muttersprache.

•Klassenstufe: Wie die Vergleiche zwischen fünften und sechsten Klassen folgern lassen unterliegt Englisch keinem Motivationsrückgang. Englisch zeichnet sich durch eine hohe Motivationsstabilität aus. Die intrinsische Motivation und die Verständigungsmotivation in Französisch sind im Gegensatz dazu bei den Sechstklässlerinnen und Sechstklässlern deutlich tiefer als bei den Schülerinnen und Schülern des fünften Schuljahres.

•Motivationaler Transfer - Französisch profitiert vom Englisch: Die Ergebnisse verweisen auf motivationale Übertragungseffekte von Englisch auf die Leistungen in Französisch. Die Ergebnisse kennzeichnen Englisch als eine vorrangige Quelle motivationaler Effekte.

•Sprachleistung und Geschlecht: Die von den Lehrerinnen und Lehrern abgegebenen Leistungsbeurteilungen in Englisch sind vom Geschlecht der Kinder unabhängig. Die Mädchen erzielen in allen Sprachfächern gleich hohe Leistungseinschätzungen. Die sprachlichen Leistungen der Knaben bilden hingegen eine Treppe nach unten: Englisch (kein Geschlechtsunterschied) -> Französisch (Knaben tiefer als Mädchen) -> Deutsch (Knaben noch tiefer als Mädchen).

•Leistungsbeurteilung, Geschlecht und Sozialkompetenz: Die Ergebnisse zum sozial kompetenten Verhalten enthüllen doppelte Geschlechtseffekte (Effekte Lehrerin-Knaben und Lehrer-Mädchen), die für die meisten Leistungsurteile (und für die offiziellen Noten in Deutsch und Mathematik) gelten. Verallgemeinernd lässt sich feststellen, dass sozial kompetente Mädchen von Lehrern und sozial kompetente Knaben von Lehrerinnen besser beurteilt werden.

•Lernen, weil man muss: In der sechsten Klasse bekunden 40 % der Befragten mehr oder weniger deutlich, dass sie Französisch nur lernen, weil sie müssen. In den fünften Klassen sind dies 29 %, was auf eine rasant steigende Unlust innerhalb eines Schuljahres schliessen lässt. Mit Englisch setzen sich 19 % der Schülerschaft eher oder gänzlich unfreiwillig auseinander. Dieser Anteil nimmt in den sechsten Klassen nicht zu.

•Die Haltung gegenüber den USA und Frankreich als motivationale Basis: Was eine Weltsprache wie Englisch unter anderem auszeichnet, ist die relative Entkoppelung der individuellen Bedeutung der Sprache von einem konkreten ethnischen Bezugsrahmen. Die Französischmotivationen sind enger mit der Vorliebe für Frankreich verbunden als die Englischmotivationen mit der Einstellung gegenüber den USA. Das Ergebnis illustriert, dass eine Entflechtung von einem bestimmten nationalen Hintergrund schon bei Kindern im Primarschulalter anzutreffen ist. Die Vermittlung von Englisch als Lingua franca müsste sich diesem Umstand anpassen.

•Eine oder zwei Fremdsprachen? Von den deutschsprachigen Kindern befürworten rund 55 % den Unterricht in beiden Fremdsprachen, 26 % würden Englisch und 16 % Französisch als alleinige Sprache vorziehen, 3 % wählen eine andere Sprache. Der Unterricht in zwei Fremdsprachen findet bei Anderssprachigen besseren Anklang. Der von Erwachsenen oft befürchteten Überforderung zum Trotz bevorzugt eine grössere Mehrheit der Kinder mit anderer Muttersprache den Unterricht in beiden Fremdsprachen. Rund 65 % wünschen Unterricht in Französisch und Englisch. 19 % würden nur Französisch und 12 % nur Englisch vorziehen, wiederum 3 % nennen eine andere Sprache.

 

Folgerungen
Der Bericht folgert unter anderem, dass die positive Erfahrung der Sprache als wirksames Verständigungsmittel nicht bloss ein vage versprochenes Fernziel des schulischen Unterrichts sein darf. Die Bedeutung der Verständigung muss aufgrund der Anlage des Unterrichts direkt und in verschiedensten Formen und Anwendungen konkret erfahrbar werden. Verständigung, auch mit noch so bescheidenen Voraussetzungen, müsste zum leitenden Prinzip des Fremdsprachenunterrichts der Primarstufe und der dort verwendeten Lehrmittel werden und die Furcht vor Fehlern in den Hintergrund drängen (Kompetenzorientierung). Der Unterricht müsste zudem möglichst viele Wahlfreiheiten (Selbstbestimmung) bezüglich Themen und Schwierigkeitsgraden und insgesamt einen hohen Individualisierungsgrad aufweisen (Lehrmittel, Lernsoftware, Computereinsatz). Die Förderung des Sprachbewusstseins (Mehrsprachigkeit, Fremdsprachigkeit, Sprachenvielfalt, Sprachvergleiche) sollte integraler Bestandteil des Unterrichts sein. Die Leistungsbeurteilung müsste objektiven, sachbezogenen Kriterien entsprechen.

Stoeckli, Georg (2004). Motivation im Fremdsprachenunterricht. Oberentfelden/Aarau: Sauerlaender.
ISBN 3-0345-0134-X
(vergriffen, gegen Porto beim Autor erhältlich: mailto:gsto@sunrise.ch )

 

Lieber Englisch als Französisch ...


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